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Ich bin eine Zivilisationsruine!
Ich brauche mein warmes Bett, mein Essen vom Herd, meine Dusche am Morgen, meine Toilette für zwischendurch.
Ich möchte jeden Tag meine Socken wechseln und gehe bei Regen nicht gerne raus.
Warum beschäftige ich mich mit dem Thema Survival?

Ich drehe die Uhr einige Jahre zurück, ein Gespräch mit einem Kunden:
Er, junger Mann Mitte 30, Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens, erzählte mir, dass er nur mit einem Messer "und dem Nötigsten" für 1 Woche in den Wald gegangen ist.
Die Fragen begannen in mir zu gären:
Könnte ich das auch? Könnte ich mir mein Essen sammeln? Könnte ich im Wald schlafen? Könnte ich im Wald überleben?
Letztes Jahr las ich Bücher, in dem Menschen Ihre wohlbehütete Heimat verlassen mussten und sich durch die Wälder schlagen mussten, mussten dort ihre Nahrung suchen, mussten sich dort gegen vagabundierende Banden verteidigen, mussten dort überleben.
Die Fragen gärten weiter...

Ich begann also im Herbst letzten Jahres das Thema zu vertiefen.
Natürlich erst einmal nur theoretisch, ich will ja nicht gleich übertreiben.
Das Erste, was mir in den Kopf kam, war:
Ein Messer muss her...
Na gut, ich neige zum Leidwesen meiner Frau dazu, mich sehr in meine Interessen hineinzusteigern, mittlerweile sind es mehrere Messer und Multitools, Tendenz: rapide steigend.
So, und jetzt?
Ein Survival-Training muss her...

Am Bestens Eines, das nur einen Tag geht, wo ich morgens halbwegs satt hinfahren kann, und wo ich abends, wenn der größere Hunger kommt wieder daheim bin.
Ich machte aber die Rechnung ohne den Wirt, in diesem Fall ohne meine Frau, die mir kurzerhand ein komplettes Wochenendseminar (Freitags - Sonntags) irgendwo im Wald schenkte.
Ich war überrascht, überrumpelt, aber ich freute mich drauf...

Letztes Wochenende war es dann soweit.

Meine Ausrüstung bestand aus einer Isomatte, meinem Discounter-14,95-Euro-Schlafsack, meinem geliebten Messer „eines bekannten norwegischen Herstellers“, einer kleinen Taschenlampe, einer Regenjacke, Ersatzwäsche und einem dicken Pullover. All das transportierte ich mit einem kleinen Rucksack.
Freitag hatte ich Urlaub genommen und fuhr die rund 500 km runter zur schwäbischen Alb, voller Erwartung, was ich wohl am Wochenende erleben werde.
Ich war freudig erregt und hatte richtig Bock auf das kleine Abenteuer.
Natürlich machte ich mir auch Gedanken über meine Mitstreiter. Was werden das wohl für Menschen sein?
Die Fahrt verlief gut und so kam ich pünktlich beim Treffpunkt an.
Dort wartete auch schon eine illustre Schar verschiedener Leute, die ich am Wochenende etwas besser kennen lernen sollte.
Die Mischung war bunt! Die Leute waren so unterschiedlich, wie es unterschiedlicher kaum sein kann. Ich kann eines vorweg nehmen: Die Gruppe war großartig!
Wir haben uns prima verstanden, hatten einen riesen Spaß, waren aber auch alle ernsthaft bei der Sache. Wenn ich jemals in eine Notsituation kommen sollte, so hätte ich genau diese Gruppe gerne um mich. Wir würden zwar verrecken, hätten aber einen Mordsspaß dabei.
Da waren also:

  • Der 17 jährige Azubi (Mensch, in dem Alter hätte ich nicht den Arsch in der Hose gehabt, mich mit lauter alten Säcken im Wald einschließen zu lassen)…

  • Student 1, der ruhige Vertreter, der aufmerksam, analytisch und präzise jede Information wie ein Schwamm aufsaugte…

  • Student 2, der die Welt mit seinem Rucksack erobern möchte (und ich bin überzeugt, dass er das schafft) …

  • Der Banker, dessen wichtigstes Ziel es war, den Gang zur Grube des Grauens an diesem Wochenende komplett zu vermeiden…

  • Die Kräuterhexe, die sich charmanteste Wissensgefechte mit unserem Trainer lieferte…

  • Der Ossi, der uns Wessis mit wachem Geist und trockenem Humor locker in die Tasche steckte…

  • Der Anwalt, der eigentlich nur mal sein Messer an die frische Luft bringen wollte…

  • Der ehemalige Hubschraubermechaniker, der uns glauben machen wollte, seine Fähigkeit, glühende Kohlen mit den Händen anfassen zu können liegt an den alten Bundeswehrhandschuhen (ich glaube ja eher, er bestand zu 100% aus Teflon)…

  • Die Powerfrau, die ein Action-Event nach dem Anderen durchackert und wahrscheinlich nur mal zum Entspannen 2 Tage in dem Wald wollte…

  • Die Altenpflegerin, die nach dem Wochenende ein schlimmes Löffel-Schnitz-Trauma beibehalten wird…

  • Bruder 1, der sich doch tatsächlich mit einem Messer ein Messer schnitzte (!)…

  • Bruder 2, dem vor lauter Leidenschaft beim Kartoffel-rösten das Wespengift in den Adern kochte…

  • Ja und ich, der schon eine Nacht unruhig schläft, wenn er mal versehentlich den Schlafanzug auf links anhat.

Nun, das waren wir also. Unterschiedlichste Menschen, unterschiedlichste Geschichten, unterschiedlichste Motivationen.

Und dann war da noch Lars, ohne den ja gar nichts ging. Schließlich war er der Chef.
Wie beschreibt man nun einen Menschen, der die Hälfte eines Jahres im Wald lebt, der die Menschen nicht in Männlein und Weiblein einteilt, sondern nach Männern, Männerinnen und Muschis (wobei Muschis sowohl männlich, als auch weiblich sein können. Aber auch Tätigkeiten können „Muschi“ sein. Stockbrot rösten zum Beispiel ist extrem „Muschi“). Keine Ahnung, in welche Schublade ich ihn stecken soll. So eine Schublade habe ich halt noch nicht gefunden. Fakt ist, dass er ein unendlich wissbegieriger Mensch ist. Er interessiert sich nicht nur für seinen Beruf, er interessiert sich auch extrem für die Menschen, die ihn umgeben. Er hat sich für jeden Einzelnen von uns Zeit genommen, hat versucht zu verstehen, was uns im Leben antreibt, was uns interessiert. Ich habe mich bestens bei ihm aufgehoben gefühlt.

Trotz allen Spaßes, den wir hatten, wurde das Wichtigste aber nicht vergessen:
Wir waren da, um etwas über das Überleben in der Wildnis zu lernen. Und da hört der Spaß auf und es wird ernst. Ohne Witz, ohne Gaudi, hier geht es uns an den Kragen.
So begannen wir uns am Freitag Nachmittag mit dem Thema „Unterkühlung“ zu beschäftigen. Es ging unter anderem um Kleidung, Schutz, Wind, Schweiß und Feuer. Der Abend endete mit einem kleinen Wettbewerb.
Zuerst wurden wir losgeschickt, um Holz zu sammeln. Wir wurden in drei Gruppen eingeteilt, Gruppe Eins suchte „Mikro-Stöckchen“, vorzugsweise an Fichten abgestorbenes Zeugs. Gruppe Zwei suchte kleine Äste, Gruppe Drei etwas dickere Äste.
Jeder bekam einen Tampon und von den drei Holzsorten konnte sich jeder so viel nehmen, wie er glaubte zu benötigen, um mit Hilfe des Tampons und eines Feuerstahls ein Feuer zu entzünden und 5 Minuten am Leben zu erhalten. Das klappte erfreulicherweise bei allen Teilnehmern super. Zur Belohnung gab es dann auch zum Abendessen eine Scheibe Brot und eine Möhre.
Die Nacht im Wald war dann interessant. Erfreulicherweise hatten wir ein bomben-Wetter, so dass wir es uns irgendwo im Camp bequem machen konnten (für seine Kurse hat Lars ein Waldstück gepachtet). Isomatte, Schlafsack, die Nacht konnte beginnen. Es hat zwar eine Weile gedauert, bis ich eingeschlafen bin aber für meine Verhältnisse habe ich gar nicht mal so schlecht geschlafen. Die frische Wald-Luft hat ihr Übriges dazu getan, so dass ich mich am Samstagmorgen sehr gut gefühlt habe.
Wir begannen den Samstag mit einer Wanderung durch den Wald. Thema war: Essbare und nicht essbare Pflanzen. Unser Frühstück bestand also aus Giersch, Spitzwegerich, Brennnesseln, Wald-Sauer-Klee und noch einigem mehr. Ich fand das Thema extrem spannend, und habe schon merkwürdige Phänomene an mir entdeckt seit ich wieder zuhause bin, nämlich bei den Spaziergängen mit den Hunden nach Essbarem Ausschau zu halten.
Zurück im Camp gab es eine kleine Tasse Gemüsesuppe mit Nudeln für jeden.

Weiter ging es mit dem Thema Messer. Lars sammelte ein paar unserer Messer ein und erklärte uns, wo Vor- und Nachteile der jeweiligen Exemplare waren.
Anschließend gab es für jeden ein Stück Holz und wir hatten die Aufgabe, uns einen Löffel zu schnitzen. Interessant dabei war, dass die Mulde des Löffels nicht mit dem Messer eingeschnitzt werden sollte, sondern sie wurde mit Kohle ausgeglüht. Wenn man den Bogen raus hat eine geniale Sache.
Weitere Themen am Samstag waren dann Hygiene (Körper- und Psycho-Hygiene) und Wasser. Wasser finden, Wasser aufbereiten. So wurden wir losgeschickt, im Wald Wasser zu finden. Das war nicht einfach, denn es gab keinen Bach, keinen Teich, kein gar nichts. Zum Glück gab es die eine oder andere Matsch-Pfütze, so dass wir mit einer etwas kläglichen Wasserausbeute ins Camp zurück -kamen.
Damit war auch schon der Samstag um. Zu essen gab es am Nachmittag eine Banane, am Abend haben wir uns aus einem Pfund Mehl (für 14 Leute!) und Wasser kleine Fladen gemacht und diese direkt in der Glut gegart (Stockbrot ist ja Muschi, siehe oben). Anschließend gab es dann noch eine Kartoffel, die wir uns dann im oder überm Feuer rösten konnten.

In dieser Nacht bin ich direkt eingeschlafen, wurde aber recht früh wieder wach, es war noch stockdunkel und hat eine ganze Weile gedauert, bis die Sonne aufging. Egal, ich war motiviert und hatte Lust, noch weiter zu lernen. Zum Frühstück gab es eine Scheibe Brot mit einer halben Scheibe Käse. Thema am Sonntag waren dann Knoten (mit anschließendem „um die Wette-Knoten unter erschwerten Bedingungen“) und Orientierung im Gelände. Rasend schnell verging die Zeit. Ein ereignis- und lehrreiches Wochenende neigte sich dem Ende zu und um 13 Uhr hieß es dann auch schon wieder Abschied nehmen.

Die Fahrt nach Hause verging wie im Flug. Ich hatte unendlich viele Gedanken im Kopf, hatte Informationen, Eindrücke und Gefühle zu verarbeiten.
Besonders schräg war Folgendes:
Spätestens am Freitagabend (nach der drögen Kniffte und der Möhre) hätte ich jede Wette abgeschlossen, dass meine erste Amts-Tat am Sonntagnachmittag der Stopp an der Raststätte ist um dort irgendwas Fieses, Fettiges zu essen. So der Plan!
Also noch vor Pforzheim auf die Raststätte. WC aufgesucht (die Grube des Grauens im Camp konnte auch ich mir klemmen) und jetzt stellte sich die Frage: Was essen? Ich strich durch die Raststätte, durch gefühlte Millionen von lauten Menschen und… ich kriegte einen Koller, ich wollte nur weg.
Der Krach hat mich fertig gemacht (bin eh kein Freund von Menschenaufläufen), das Essen hat mich angewidert. Ich kaufte mir was zu Trinken und einen Schokoriegel, damit ich etwas Zucker in den Kreislauf bekomme und bin dann ohne weiteren Essenstop nach Hause durchgefahren.

Was hat mir dieses Wochenende jetzt gebracht?
Ich wollte natürlich lernen. Ich wollte Techniken des Überlebens in der Wildnis kennen lernen.
Sicher könnte man auch vieles aus Büchern und der Tube lernen, aber ich wollte erleben.
Ich wollte wissen wie es ist, im Wald zu schlafen, mich nicht zu waschen, nicht die Zähne zu putzen, das Handy auszulassen, die Uhr wegzulassen (ich hatte sie Freitag nachmittag abgenommen und erst Sonntag nachmittag wieder angezogen). Und was soll ich sagen? Ich habe mich wohl gefühlt. Für die meisten derjenigen, die diese Seiten hier lesen, vielleicht ein Witz.
Aber für mich, für den Stabilität und Sicherheit beinahe schon eine Marotte sind, fast schon Therapie.

In diesem Sinne: To be continued,...definitively!


P.S.: Ein "Sackstich" hat nichts mit einem Mückenstich in die empfindlichste Stelle des Mannes zu tun, sondern ist die Bezeichnung eines Knotens! ;-)


 

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