(welch doppeldeutige Überschrift ;-) )

Ich denke es gibt kaum eine Frage, die sowohl unter Kampfsportlern als auch unter Kampfkünstlern häufiger und konträrer diskutiert wird als diese:

Wie effektiv ist meine Kampfkunst, wenn ich sie zur Selbstverteidigung benutzen muss?

Vielleicht ist es sogar so, dass ein Großteil der Lernenden durch die Motivation „sich selbst verteidigen zu können“ überhaupt mit der jeweiligen Kampfkunst beginnt?

Meine ersten Berührungspunkte mit der Kampfkunst waren als kleiner Knirps in den 70er Jahren die TV-Serie „Kung Fu“ und ein paar Comics, in denen sich ein einarmiger chinesischer Mönch „quasi durch’s Leben schlug“.
Die Techniken haben mich fasziniert, die Kämpfer habe ich bewundert. Brauchten sie sich doch vor niemandem zu fürchten und haben böse Buben kurzerhand elegant verhauen und durch die Gegend getreten.
Immer wenn ich von einem Bekannten hörte, dass er irgendeine Kampfkunst lernt habe ich das bewundert und hielt ihn direkt für einen unverwundbaren Supermann. Ich hatte schließlich immer meinen einarmigen Mönch vor Augen, denn dem konnte auch keiner was.
Irgendwie bin ich aber nie auf die Idee gekommen, selber mal eine Kampfkunst zu erlernen.
Ich kann nicht einmal sagen warum. Es hat sich einfach nicht „ergeben“?

Mein Bruder war es, der mich dann Mitte der 80er zu einem Anfängerkurs der Gladbecker Karate-Abteilung des PSV Recklinghausen mitnahm.
Und ich war von der ersten Stunde an begeistert.
Erst einige Jahre später konnte ich reflektieren, was und warum mich das Karate so begeisterte: Mehr oder weniger unbewusst war meinen Helden der Kindheit ein Stückchen näher gekommen.
Doch wie sah es nun mit der Selbstverteidigung aus?
Nun bin ich nicht der Typ, der abends auf die Straße geht und ausprobiert, was er so gelernt hat.
Auf die Frage, wie mein Karate in der Selbstverteidigung funktionieren würde konnte ich keine Antwort geben.
Ich kannte Jungens, die das sehr erfolgreich auf der Straße missbrauchten, aber das war weiß Gott nicht mein Weg.
Auch später, als ich selber Trainer war habe ich meinen Schülern immer gesagt, dass sie bei mir Karate lernen, und dass das, was ich ihnen beibringe, in erster Linie nichts mit Selbstverteidigung zu tun hat.
Das war mir ungemein wichtig, denn ich wollte niemandem ein falsches Selbstvertrauen vermitteln. Das könnte aus meiner Sicht furchtbar in die Hose gehen. Aber dazu schreibe ich später noch ein bisschen mehr.
Während dieser Zeit hatten wir auch immer die Augen auf andere Kampfkünste gerichtet.
So sehr groß war die Auswahl damals noch nicht, es gab die klassischen japanischen Systeme, ein paar Kung Fu Stile, Tae Kwon Do aus Korea und natürlich auch Boxen und Ringen.
Thai- und Kickboxen waren damals erst Underdog-Sportarten und begannen erst sich in der Öffentlichkeit zu etablieren.
Aber für uns war klar: Die Thai- und Kickboxer waren für uns die richtigen Klopper. Mit so einem sollte man sich nie anlegen, denn die Trainieren ja das richtige Zuhauen.
Schnell bildeten sich Legenden, was die Jungs so alles konnten („ich kenne einen, der kennt einen, der hat in der Kneipe 6 Leute verprügelt“…).
Doch der Gipfel der Unbesiegbarkeit war dann ein damals relativ unbekanntes System: WingTsun. Die Schulen schossen nur so aus dem Boden. Die WingTsunler schrieben sich auf die Fahne das effektivste Selbstverteidigungssystem zu haben. In kurzer Zeit erlernbar und hocheffektiv.
Vorführungen, die wir sahen vermittelten uns den Eindruck, dass da eine Menge dran sein muss. Wir kannten ja nur unsere kleine Karate-Welt.
Dieser Eindruck wurde noch verstärkt, als ein Trainingskamerad von mir, damals immerhin Braungurt, sich einmal mit einem Bekannten in einem Trainingskampf gemessen hat. Dieser Bekannte hatte erst einige Monate WingTsun auf dem Buckel und hat meinen Kollegen sehr schnell mit Kettenfausstößen (ach du je, was macht den der da? Wie gehe ich denn damit um?) in die Enge getrieben und der Kampf war schnell vorbei.
Wir waren schwer beeindruckt.
Dennoch hing unser Herz an unserem Sport, denn der Selbstverteidigungsaspekt war nur einer von vielen.
Wir trainierten weiter voller Leidenschaft und Hingabe, aber immer im Hinterkopf: Was wäre wenn?

Die Zeit brachte es mit sich, dass ich irgendwann mit meinem Studium fertig war und in die Berufswelt eingetreten bin. Die Prioritäten ändern sich, die Knie waren im Eimer und so kam es, dass ich die Kampfkunst für ein paar Jahre an den Nagel gehängt habe.
Im Jahr 2000 hatte ich dann irgendwie einen Floh im Ohr, der mich wieder in die Richtung Kampfkunst getrieben hat.

Ich weiß es noch wie heute, dass ich von Essen nach Hause fuhr und einen Wagen überholte der einen dicken plakativen Aufkleber auf der Heckscheibe hatte. Die beiden unmissverständlichen Buchstaben „WT“: WingTsun!
Mittlerweile hatte sich das Internet etabliert und es war recht einfach die nächste WT-Schule ausfindig zu machen.
Probetraining, Anmeldung…ich war dabei.
Toll, endlich hatte ich den Hintern hochbekommen das von mir so bewunderte, geheimnisvolle WingTsun zu erlernen. Hier würde ich etwas lernen was mich selbstverteidigungstechnisch ganz weit nach vorne bringen würde.
Heute muss ich sehr darüber schmunzeln, denn ich habe mich noch nie ernsthaft geprügelt. Umso absurder erscheint es mir heute, dass ich unbedingt eine Selbstverteidigung lernen wollte. Aber egal… ich war dabei und hatte einen Mordsspaß.
Ich merkte aber nach einiger Zeit, dass ich mir das WingTsun die gewünschte Sicherheit gar nicht geben konnte.
Das hatte mehrere Gründe.
Nachdem ich in etwa wusste, wie meine Anfängerkollegen (damit meine ich die Schülergrade um mich herum) WT-technisch reagieren würden, kramte ich bei den freien Angriffen ein paar Karatetechniken aus dem Koffer und war sehr überrascht, dass die Kollegen damit nicht klar kamen.
Die Illusion, dass man sich mit WingTsun schnell verteidigen lernt war somit ganz schnell über Bord geworfen. Wenn WT ein effektives Selbstverteidigungssystem ist, so benötigt man mit Sicherheit viele Jahre Training um es gemäß seiner Prinzipien anwenden zu können.
Man mag mir an dieser Stelle Naivität vorwerfen, aber damit kann ich heute gut klar kommen.
Was mich aber am WT massiv gestört hat:
Wie kann ich von jemandem Selbstverteidigung lernen, der in der Praxis kaum Erfahrung damit hat?
Es ist halt im WT so wie in den meisten anderen Kampfkünsten und –Sportarten auch: Es trainieren Leute wie Du und ich!

Ein Vergleich ist vielleicht folgender:
Kann man Kochen lernen, in dem man nur Kochbücher liest, aber nie tatsächlich am Herd steht?
Bestenfalls:
Kann man Kochen lernen, in dem man am Herd steht, aber die zubereiteten Speisen nie probiert?
Würde ich bei so einem Koch in die Lehre gehen?
Die wenigsten Lernenden und auch Lehrenden in den Kampfkünsten sind Schläger, die Ihre Kunst (?) permanent auf der Straße ausprobieren.
Solche Leute könnten einem vielleicht beibringen, wie man auf der Straße kämpft, aber möchte ich wirklich zu so jemandem in die Schule gehen? Eher nicht…
So gesehen passte WT nicht zu mir, auch wenn die Sportart an sich sehr viel Spaß gemacht hat.
Ein guter Mittelweg musste her und so kam es, dass ich in der Wing Chun-Familie den Stil wechselte und bei jemandem trainierte, der u.a. für eine Sicherheitsfirma als Türsteher arbeitet, also aus meiner Sicht bezüglich Selbstverteidigung authentischer war, als ich es in meiner (!) WingTsun-Schule kennen gelernt hatte.
Wären in „meiner“ WingTsun-Schule damals ein paar Rahmenbedingungen anders gewesen, so hätte mein Kampfkunstweg vielleicht eine komplett andere Richtung genommen.
So trainierte ich Ving Tsun.
Bezüglich der Effektivität dieses Ving Tsun-Stiles hatte ich keine Zweifel, doch auch hier war es keine Wunderwaffe, sondern das Erlernen erforderte eine ernorme Trainingsdisziplin. Mit zwei Mal in der Woche Training war hier kein Blumenpott zu gewinnen.

Für mich war es das erste und auch ein sehr wichtiges Fazit:
Wer Selbstverteidigung lernen will muss trainieren, trainieren, trainieren. Als Freizeitsportler, wie ich es als „dauernd unterwegs“ Berufstätiger nur sein konnte war das ein Weg, den ich nicht beschreiten konnte.

Das führte zu permanenter Frustration im Training, zum Stillstand und letztendlich zur Aufgabe.
Mehr aus Fitnessgründen und „weil ich gerne ein wenig hauen wollte“ meldete ich mich dann zum Boxen an.
Aber wie verhext war das Thema Selbstverteidigung immer noch in meinem Hinterkopf.
Die Frage „was wäre wenn“ lies mich nicht los.
Das Springen zwischen den verschiedenen Systemen brachte mir aber einige Sichtweisen, die mich auf meinem Weg einen sehr großen Schritt nach vorne brachten:
Ich habe in einige Systeme einen guten Einblick bekommen und schnell gelernt, dass es kein Wundersystem gibt und keine Geheimwaffe.
Ich habe viele Leute kennengelernt, die mit Sicherheit Ihr System gemeistert haben, aber dennoch Dojo-Helden geblieben sind, die auf der Straße wahrscheinlich jämmerlich Haue bekommen hätten.
Auch hier muss ich mir vielleicht den Vorwurf der Naivität gefallen lassen, aber was soll es, ich lerne ja gerne dazu…
Der berühmte „schwarze Gürtel“ hat meine Faszination und Bewunderung für die Selbstverteidigung (!) total verloren. Wer regelmäßig engagiert trainiert wird auch diesen Gürtel erhalten. Dadurch wird man aber kein unbesiegbarer Supermann.

Die praktische Beschäftigung mit den verschiedenen Systemen brachte mich auch dazu viel über das Thema Gewalt zu lesen und ich hatte auch die Gelegenheit mit einigen …ähem…will mal sagen erfahrenen Leuten darüber zu sprechen. Ich konnte mir recht gut ein Bild über verschiedene Selbstverteidigungssituationen machen und auch über die verschiedenen Motivationen der Gewalttäter: Warum kommt es zu Situationen? Wie sehen diese Situationen aus? Was passiert in einem Kampf?

Beispiel 1:
Es gibt Gewalttäter, die suchen Opfer. Ich schreibe jetzt nichts Neues wenn ich erzähle, dass es Menschen gibt, die aufgrund mangelnden Selbstvertrauens in Ihrer Körperhaltung eine gewisse Ängstlichkeit ausdrücken. Sie sind die Typen, die unser Gewalttäter sucht.
Wenn nun dieser Mensch aufgrund der Ausübung seiner Kampfkunst selbstbewusster wird, so wird er seine Opferhaltung verlieren und der Gewalttäter geht mit großer Wahrscheinlichkeit vorüber.

Beispiel 2:
Es gibt Gewalttäter, die suchen keine Opfer, sondern sie wollen sich messen. Je mehr Selbstvertrauen ausgestrahlt wird, umso mehr reizt es den Täter eine Konfrontation einzugehen. Ein Opfertyp aus Beispiel 1 hätte also mit Sicherheit bessere Karten gehabt, denn er hätte dem Täter keinen Anreiz geboten.
Hier greife ich wieder das Thema von oben auf: Das Erlernen einer Kampfkunst kann einem das falsche Selbstvertrauen suggerieren. In diesem Beispiel könnte das ziemlich in die Hose gehen.

Beispiel 3:
Eine Situation wie sie in gewissen Kreisen häufig vorkommt. Eine einzelne Person geht an einer Gruppe von Jugendlichen vorbei. Als sie gerade vorbeigegangen ist tippt jemand auf die Schulter. Die Person dreht sich irritiert um und in dieser Sekunde gibt’s einen vollen Schlag auf die Zwölf. Mit einer solchen Aktion rechnen die wenigsten Leute. Und das war es dann. Da kann man hundert Jahre irgendwas trainieren und Weltmeister in allem Möglichen sein:
Vor hinterhältigen Attacken ist niemand sicher. Niemand ist ständig immer und überall auf der Hut.

Ein paar Dinge, die sich jeder durch den Kopf gehen lassen sollte, der sich mit Selbstverteidigung beschäftigt:
1. In einem ernsthaften Kampf nicht verletzt zu werden ist eine absolute Illusion. Schon mal einen vollen Schlag ins Gesicht bekommen? Ungebremst? Ohne Faust-Schutz? Ohne Zahn-Schutz?
Eine Situation, mit der man klar kommen muss. Wer trainiert schon gerne das getroffen werden?
(Hier haben meiner Meinung nach die Kontaktsportarten einen enormen Vorteil).
2. Schon mal jemandem ins Gesicht geschlagen? So richtig feste? So richtig mit der Absicht „weh zu tun“?
3. Schon mal mit aller Kraft zugeschlagen, und es hat beim Gegner keine Wirkung gezeigt?
Nicht selten sind bei Auseinandersetzungen Alkohol oder andere Drogen im Spiel. Hier kann das Schmerzempfinden ziemlich nachlassen, so dass der Gegner den Treffer gar nicht oder zumindest erst sehr viel später registriert.
4. Frag mal ein paar „Profi-Schläger“, was sie für eine Kampfkunst gelernt haben. Nicht selten hört man: Gar keine.
5. Auf der Straße gibt es keine Regeln. Wenn Du am Boden liegst ruft keiner „Yame“.

Ich könnte jetzt noch ewig weiter schreiben und viele viele Situationen schildern, von denen berichtet wird, die man gesehen hat oder auch von denen ich nur „irgendwie“ gehört habe.
Fakt ist, dass ich zum Glück bei dem Thema Selbstverteidigung ein Theoretiker bin.
Das Thema hat mich lange Jahre beschäftigt und ich habe gelernt, dass das Thema wahnsinnig facettenreich ist. Es gibt unendlich viele Situationen, in denen man sich oder auch andere Personen verteidigen muss. Es gibt unendlich viele Faktoren, die einen Kampf  beeinflussen.

Sicher habe ich für diese Erkenntnis sehr lange gebraucht, aber umso erstaunlicher und erfreulicher ist, dass ich das Thema Selbstverteidigung nun komplett zur Seite gelegt habe.
Ich bin mir sicher, dass jemand der gut zuhauen und treten kann eventuell bessere Karten hat, wenn sich ein Kampf nicht vermeiden lässt, aber mehr auch nicht.
Meine Motivation Kampfkunst zu trainieren hat sich dementsprechend komplett relativiert:
Ich trainiere, weil es eine schöne Kunst ist, weil es einfach nur geil ist.
Und sollte ich mal in eine Selbstverteidigungssituation kommen, so habe ich halt Pech…oder ER ;-)

 

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