Vorneweg 1:
Ich schreibe meistens von „Kampfkunst“ um eine Abgrenzung zu vorwiegend sportlich motivierten „Kampfsportarten“ zu erreichen.
Vorneweg 2:
Ich bin der Meinung, dass Kunst etwas Schönes, Bereicherndes, sein sollte.
Ein Kampf, insbesondere eine körperliche Auseinandersetzung, ist nicht schön.
Somit ist der Begriff „Kampfkunst“ nach meinem Verständnis paradox und unsinnig. Prinzipiell sollte man besser von einem „Kampf-System“ oder einer „Kampf-Methode“ sprechen. Der einfachen Lesbarkeit halber und weil es halt üblich ist bleibe ich aber im Folgenden bei dem gängigen Begriff „Kampfkunst“.
Vorneweg 3:
Es gibt den Begriff „Do“ bzw. „Tao“ oder „Dao“ auch in anderen Kampfkünsten, aber ich beschränke mich hier bewusst auf die japanischen Kampfkünsten, da ich von den anderen Kampfkünsten noch weniger verstehe.
Vorneweg 4:
Die folgenden Sätze sind bitte als Gedanken-Fetzen zu verstehen, wie sie mir Stand heute, im Sommer 2010, durch den Kopf spinnen.
Ich schreibe nicht so, wie ich meine dass es ist, sondern so, wie ich denke dass es sein könnte.

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Ich denke jeder, der sich mit einer japanischen Kampfkunst auseinander setzt, stolpert früher oder später über den Begriff „Do“.
Ju-“do“, Ken-“do“, Karate-„do“ und wie sie alle heißen.
Meistens übersetzt mit dem Begriff „Weg“ bedeutet es, nüchtern betrachtet, dass man sich mit dem Erlernen einer Kampfkunst auf einen „Weg“ begibt.
Unabhängig von der Kampfkunst könnte man aber, noch nüchterner betrachtet, eigentlich alles als „Weg“ beschreiben, was man sich vorgenommen hat zu erreichen.
Den „Weg“, eine Ausbildung zu durchlaufen, den „Weg“ eine Beziehung einzugehen, den „Weg“ ein Musikinstrument zu lernen, den „Weg“ Schach zu lernen und so weiter und so fort.
Was ist nun das Besondere an einer Kampfkunst, dass hier sehr häufig das „Do“, der „Weg“, hervorgehoben wird und als etwas sehr Besonderes dargestellt wird?
Ich meine, jemand, der Volleyball spielt, wird wohl kaum etwas von einem „Weg“ erzählen, geschweige denn seiner Sportart eine charakterbildende Eigenschaft zusprechen.
Warum eigentlich nicht?

Ich möchte in den nächsten Zeilen mal versuchen, diese Besonderheit der Kampfkünste aus meinem Blickwinkel etwas zu beleuchten.

Warum trainieren so viele Menschen auf diesem Planeten Kampfkunst?
Ich vermute mal, der Beweggrund mit einer Kampfkunst zu beginnen ist zum Einen der Wunsch nach Selbstverteidigung, zum Anderen reizt aber auch eine exotische, fremdartige Kultur, die sich hinter den Kampfkünsten verbirgt. Nicht selten sieht man im Rahmen von Kultur-Festen auch Kampfkünste (man denke nur an das alljährliche Japan-Festival in Düsseldorf), man findet die Bewegungen ästhetisch, interessant, irgendwie besonders. Das möchte man auch können…

Geht man in einen Kampfkunst-Verein, und fragt dort die Trainierenden nach ihrer Motivation, so hört man meistens die Aspekte „Selbstverteidigung“ und „Charakterschulung“.
„Charakterschulung“?  - Nachtigall, ick hör Dir trappsen…
Fragt man etwas genauer nach, so wird einem meistens im nächsten Satz der Begriff „Do“ als „Weg“ um die Ohren gehauen.
Was könnte denn der „Weg“ im Sinne einer „Charakterschulung“ bedeuten?
Der „Weg“ bisher wurde verstanden als:
„Ich gehe los“ und „ich komme an“. Dazwischen liegt der „Weg“.
Ganz einfach.
Doch nicht so mit den Asiaten.
„Do“ an dieser Stelle bedeutet mehr als nur die simple Übersetzung „Weg“ als Strecke zwischen Start- und Endpunkt.
Hinter dem „Weg“ steckt eine recht komplexe Weltanschauung, die des Daoismus (oft wird das japanische „Do“ dem chinesischen „Dao“ gleichgesetzt, vgl. auch „Taoismus“).
Ungern möchte ich an dieser Stelle jetzt auf die Beschreibungen des Daoismus eingehen, aber so viel kann ich ganz grob sagen:
Auf einem „Weg“ im Sinne des Daoismus verändert man sich. Unterschiedlichsten Einflüssen ausgesetzt beginnt man den Weg, lernt mit diesen positiven wie negativen Einflüssen umzugehen und kommt dann als charakterlich gestärkter Mensch im Ziel an.
Dieser charakterlichen Änderung wird im Daoismus ein dermaßen hoher Stellenwert beigemessen, dass letztendlich das Erreichen des Zieles nicht mehr wichtig ist, bzw. man auch einen Weg beschreitet, obwohl man weiß, dass es wahrscheinlich gar kein Ziel im Sinne von „Ich bin fertig damit, ich habe es geschafft, ich habe es abgeschlossen“ gibt.
Einer der bekanntesten Sätze des Daoismus lautet: Der Weg ist das Ziel.
Das meint genau das oben Geschriebene: Es gibt kein Ziel, man kommt nie an. Der Weg ist nie am Ende.
Das eigentliche Ziel ist, sich auf den Weg zu konzentrieren. Alles, was auf diesen Weg geschieht gehört zu den Schritten, die man tun muss. Alles Gute, wie alles Schlechte.

Nun stehe ich da und frage einen Kampfkunst-Praktizierenden, worin für ihn der „Weg“ besteht.
Es kommen Antworten wie:
„Im Training die Zähne zusammenbeißen, auch wenn man körperlich an seine Grenzen gekommen ist.“
„Wir trainieren hier eine japanische Kampfkunst, da geht es nicht um Wettkämpfe, sondern um Charakterschulung, es heißt ja auch „Karate-Do““
„Judo kommt aus Japan, und da spielt halt der Buddhismus eine große Rolle“.
…und vieles mehr, was in diese Richtung geht.

Man kommt  schnell in eine Richtung, sich die Entstehungszeit der Kampfkünste oder wohl eher noch die Blütezeit der Kampfkünste (im japanischen Spätmittelalter bzw. in der Edo-Zeit) anzusehen.
So bringt man sehr schnell die Kriegsmethoden der Samurai mit den Religionen (vorwiegend Buddhismus und Shintoismus) und auch den bildenden Künsten (Dichten, Malen, Schreiben) in Verbindung, auch wenn diese vielleicht komplett nebeneinander existierten. Das geht sogar soweit, dass sich Ende des 19 Jahrhunderts der Begriff „Bushido“ in Japan als Ehrenkodex der Samurai herausbildete, obwohl es für die tatsächliche Existenz eines allgemeingültigen Kodex für Samurai keinerlei Beweise gibt.
Oftmals herrscht bei den Ausübenden einer Kampfkunst ein fast schon romantisches Bild der Samurai vor.
Ehre und Loyalität in Verbindung mit der tiefen Versenkung des Zen-Buddhismus… ich kann quasi die meditativ säuselnden Bambusflöten hören, während der Samurai nach gewonnenem Duell seine Gedichte zu Papier bringt. Dieses natürlich in einer malerischen Kulisse eines schönen Tempels, am besten noch bei Sonnenuntergang (von mir aus auch Sonnenaufgang ;) ).
Ich gebe zu, irgendwie hat auch mich dieses Bild geprägt. Aber letztendlich ist dieses Bild ein Ideal und es mag bestimmt Samurai gegeben haben, die dieses Klischee erfüllten, aber wenn ich ehrlich bin: Realistisch für die Allgemeinheit der Samurai ist es wohl kaum.
So muss man nun aufpassen, dass das Erlernen einer Kampfkunst nicht zu einem Klischee-motivierten Rollenspiel ausartet.
(Ich erlebte tatsächlich den Fall, wo ein Trainingskamerad von mir angefangen hat morgens Fischsuppe zu essen, weil das ja soooo japanisch ist. Naja, er hörte auch schnell wieder damit auf.)

Aber oftmals ist es genau dieses Bild, das man in den „Weg“ hinein interpretiert. Wer Kampfkunst lernt, der meint diesem Klischee etwas näher sein zu können, und da gehören Dinge wie Buddhismus, Meditation, Kalligraphie und so weiter dazu. Auch wenn man es letztendlich nicht lebt, aber ich gebe zu, auch ich habe ein paar Buddha-Statuen zuhause und in meinem Trainingsraum hängen ein paar Kaligraphien. Warum auch nicht, schadet ja niemandem.

Aber wie ist das nun mit der Charakterschulung?
Ich bin der Meinung, dass schon etwas dran ist.
Allerdings sehe ich das deutlich nüchterner, als eine verklärte Budo-Romantik vorzugeben scheint.
Was könnte denn nun den Charakter bei der Ausübung einer Kampfkunst beinflussen?

1. Schon alleine, dass man sich Gedanken um eine Charakterschulung macht finde ich positiv.
Dass man sich damit auseinandersetzt ist für mich eine wichtige Grundvoraussetzung, diesbezüglich auch Veränderungen erreichen zu können.

2. Man lernt, wie man anderen Personen wehtun kann. Gerade bei Partner-Übungen hat man eine immense Verantwortung, dass man eben die Schmerzen des Partners in Grenzen hält.
Das klingt jetzt recht simpel, aber so simpel ist es gar nicht. Nicht selten verleitet eine falsche Selbsteinschätzung dazu, fester zuzuschlagen als der Partner es verträgt.

3. In einem abgesprochenen Partner-Training nimmt man oftmals die Rolle des Verlierers ein. Der Angreifer schlägt zu, der Verteidiger wehrt ab und kontert. Somit wird der Angreifer in die Verlierer-Rolle gedrängt, was niemandem, der halbwegs bei Verstand ist, auch gefällt. Aber man gewöhnt sich daran, dass die persönliche Eitelkeit, nicht der Verlierer sein zu wollen, hinten an zu stehen hat. Im Vordergrund steht das gemeinsame lernen, und da darf mir der andere auch mal wehtun, ohne dass ich gleich Rache-Gelüste bekomme.

Meiner Meinung nach sind diese Punkte die Kern-Aussagen, worin sich die Kampfkünste von anderen Sportarten unterscheiden.
Allerdings haben viele Sportarten ebenfalls charakterbildende Einflüsse. Der Fußballer, der mit Niederlagen umgehen können muss, der Leistungsschwimmer, der täglich seine körperlichen Grenzen überwindet. Der Breitensportler, der sich in einen Verein integrieren muss.
Es gibt viele solcher Beispiele, die die Kampfkünste, so toll sie auch sind, so sehr ich sie auch liebe, doch zu etwas fast schon Normalem degradieren.
Mir steht gerade der Kopf danach, diesen ganzen Kunst- und Mystik-Bereich für mich vorerst völlig aus der Kampf-„Kunst“ auszublenden.
Natürlich werde ich jetzt meine lieb gewonnen Statuen und Kalligraphien nicht entfernen, warum auch. Sie gefallen mir immer noch. Nur hat das nichts, aber auch gar nichts meinem Kampfkunst-Training zu tun.
Und damit bin ich wieder bei „Vorneweg 2“…

 

 

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